Weshalb Facebook massiv Arbeitsplätze in der deutschen Medien- und Werbewirtschaft vernichten wird

Michael Reimann am Dienstag, den 26. Oktober 2010

Neulich erreichte mich ein Tweet, der meine besondere Aufmerksamkeit erregte. Es ging um den Vergleich der größten deutschen Sozialen Netzwerke und deren Entwicklung in den letzten Monaten. Und um dasselbe bei Facebook. Verlinkt war ein Blogeintrag des Schweizers Thomas Hutter, der sich beruflich mit Sozialen Netzwerken beschäftigt.

Dieser hat für seine Betrachtungen die Zahlen von Google Adplanner (ein Mediaplanungstool von Google) der größten deutschen Sozialen Netzwerke mit denen von Facebook verglichen. Nun sind die Zahlen von Google Adplanner sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, denn deren Herkunft ist unklar und Google trifft dazu keine Aussagen. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass nicht einmal die Zahlen von Google Analytics (das aktiv in die Webseiten, die es misst eingebunden wird und daher deutlich realistischere Werte erzielt) mit denen von Google Adplanner übereinstimmen.

Was Adplanner aber zweifellos kann, ist (solange Google nicht die Systematik der Datenerhebung ändert)  zweifellos Trends wiederzugeben. Und genau darauf habe ich mich bei der Betrachtung der Analysen von Thomas Hutter konzentriert. Diese zeigen, dass ALLE größeren Sozialen Netzwerke, die er in seiner Analyse betrachtet hat, seit Jahresbeginn 2010 an Nutzer verloren haben – mit Ausnahme von Facebook, das ein fast schon kometenhaftes Wachstum hingelegt hat.

Dramatisch trifft es geradezu die VZ-Netzwerke und MySpace. Am wenigsten mussten Twitter und Youtube Federn lassen.

Wenn man sich dann noch darüber hinaus direkt in Google Adplanner andere Soziale Netzwerke in Deutschland anschaut wird eines klar: Es ist allgemein ein Rückgang zu verzeichnen. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Die regional fokussierten trifft es dabei eher weniger, die größeren Überregionalen trifft es durchschnittlich stärker.

Wenn man nun meinen Beitrag von neulich reflektiert und mit diesem hier gedanklich zusammenführt bleibt eine zentrale Erkenntnis: Facebook zieht “deutsche” PIs von Deutschland nach Amerika. Und damit auch direkt AdImpressions – das sind Einblendungen von Werbebannern.

Auf größeren Webseiten und in sozialen Netzwerken werden die Werbeeinblendungen im Regelfall voll oder zu großen Teilen von sogenannten “Vermarktern” vermarktet. Das sind Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, solche Werbeflächen an Werbekunden in Paketen zu vermitteln und die dafür einen Teil des Umsatzes behalten.

Allen betroffenen Medien und Netzwerken sowie Vermarktern gemein ist, dass durch die sinkenden Werbeeinblendungen und sinkenden Nutzerzahlen auch die Werbeeinnahmen sinken. Und nicht nur das: durch die Reduzierung der Reichweite verliert Werbung der betroffenen Medien zusätzlich an Wert. Das Problem wird sich momentan noch nicht so offenbaren, da in der Werbebranche das mit Abstand stärkste Quartal 4 gerade begonnen hat und hier die Nachfrage das Angebot oft um ein Vielfaches übersteigt. Aber: im Frühjahr wird es dann das böse Erwachen geben, wenn sich die Umsatzzahlen nicht erholen werden und womöglich weiter einbrechen.

Viel beunruhigender dürfte aber eben der Umstand sein, dass die Zahlen im Laufe dieses Jahres nicht überall nur leicht gefallen sind, sondern teilweise ganz dramatisch. Am Beispiel der VZ-Netzwerke am besten zu sehen. Damit gehen diesen und ihren Vermarktern auch genauso dramatisch Umsätze flöten und die Werte für Sonderwerbeformen gehen ebenfalls in den Sturzflug über. Das heisst dann eher kurz- als langfristig, dass auch Arbeitsplätze reduziert werden müssen, weil einfach die Umsätze fehlen, um diese weiter zu finanzieren.

Branchenweit betrachtet bedeutet das, das aufgrund des Erfolgs von Facebook und der weiter zunehmenden Nutzung von Facebook hier in Deutschland in der Werbebranche und in der Medienbranche Arbeitsplätze wegfallen werden. Weshalb sind dann genau diese Branchen, die Branchen, die durch das ständige Erwähnen und Hypen von Facebook dessen Erfolg noch weiter pushen und kostenlose Werbung für Facebook machen? Stehen die Mitarbeiter der genannten Branchen etwa darauf, ihre eigenen Arbeitsplätze zu vernichten?

Hat irgendwie was von Sado Maso. Oder von Selbstverstümmelung.

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Update : 15:26 Uhr: Thomas Hutter ist Schweizer und heisst nicht Hutterer

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7 Antworten zu “Weshalb Facebook massiv Arbeitsplätze in der deutschen Medien- und Werbewirtschaft vernichten wird”

  1. Danke für den Artikel. Bitte folgende Richtigstellung vornehmen.

    Name: Thomas Hutter
    Land: Schweiz

    Zum Artikel…
    Vielleicht sollte man auch schauen, wie viele zusätzliche Jobs und Unternehmen durch Facebook geschaffen werden – ich kenne viele Leute, die Dank Facebook, neue Jobs in Beratung, Programmierung, Support erhalten, bzw. geschafft haben…

  2. Das mag durchaus richtig sein. Allerdings werden die wenigsten Zeitungsredakteure, Radiomoderatoren und Werbeverkäufer in die Programmierung oder Beratung wechseln können. Die Werbeverkäufer noch am ehesten, aber auch die müssen dann deutlich umlernen, da Werbung in Facebook komplett anders funktioniert als in klassischen Werbeformen.

    Heisst meiner Meinung nach: Die entfallenden Jobs werden nicht für dieselben Mitarbeiter, die selbst ihre Jobs obsolet machen automatisch durch neue Jobs, die im Zusammenhang mit Facebook entstehen, kompensiert.

  3. Ich behaupte einerseits, dass Medien wie Zeitungen und Radios sehr wohl von Facebook profitieren können (Inhalte aus Facebook, Meinungen einholen, ihre Reichweite steigern) und problemlos neben Facebook leben können. Facebook Werbung eignet sich a) nicht für jede Branche b) nicht für jede Zielgruppe und wird mittelfristig sicherlich nicht die Werbebudgets der “offline” Medien abgreifen. Falls Jobs entfallen, werden diese mit Jobs im Zusammenhang mit Facebook kompensiert, allerdings werden diese mit Sicherheit nicht durch die beschriebenen Berufsgruppen ersetzt.

  4. Das Thema wird auf Facebook bereits heiss diskutiert:
    http://www.facebook.com/thomashutterblog

  5. Das sehe ich etwas anders. Für die Begründung verweise ich gerne auf meinen Text “Von der Entmachtung eines Riesen durch einen Anderen – und Zwergen, die dabei auf der Strecke bleiben

  6. stk sagt:

    Hm, was ist denn deine Kernaussage? Die Vernichtung von Arbeitsplaetzen ist prinzipiell schlecht? Wenn aber Arbeitsplaetze wegfallen, die an sich dem Kunden ueberhaupt keine Wertschoepfung betreiben (bei denen man sich generell fragen muss, ob sie Wertschoepfung betreiben) darf man sich doch fragen, ob ihr Wegfall als quasiparasitaere und mittlerweile nicht mehr in dem Umfang noetige Anhaengsel ueblicher Wertschoepfungsketten auch was positives hat.

  7. @stk Aus deiner Sicht (soweit mir bekannt lautet die: Werbung = Evil und überflüssig) mag das stimmen. Allerdings ist das auch eine recht darwinistische Sicht – die ich nichtmal unbedingt kritisieren möchte.

    Mir geht es mit dem Artikel darum, aufzuzeigen, dass sich in beiden Branchen in den nächsten Jahren ein erheblicher Wandel einstellen wird und sich die dort tätigen besser schonmal Gedanken darüber machen, wo sie ihre Rolle zur Wertschöpfung dann einsetzen können. Die zugegeben etwas reisserische Überschrift soll die Betreffenden wachrütteln.

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