Guter Journalismus?

23. Januar 2011 von Michael Reimann

Wodurch zeichnet sich guter Journalismus aus?

Richtig. Objektivität, Sachlichkeit, ein gut recherchierter Sachverhalt, über den berichtet wird, ohne den eigenen Standpunkt einfließen zu lassen. Und: eine Berichterstattung, die anhand von Fakten und unbeeinflusst von wirtschaftlichen Interessen informiert und nichts verschweigt. Sicher auch noch der eine oder andere zusätzliche Punkt.

In Ulm gibt es als größten Tageszeitungsverlag die Südwest Presse, die in Form der “Neuen Pressegesellschaft” zur Ebner-Verlagsgruppe gehört. Die Südwest-Presse ist seit Jahr und Tag in Ulm Platzhirsch und hat keine nennenswerte Konkurrenz. Und die Südwest-Presse gibt – ebenfalls seit Jahr und Tag (oder zumindest war das meinem Empfinden nach schon immer so) – ein wöchentliches kostenloses Anzeigenblättchen heraus, das Ulmer Wochenblatt. Seit einiger Zeit tut sie das nicht mehr selbst, sondern das macht die Tochterfirma “NAK” (Neue Anzeigen- und Kommunalblatt GmbH) für die SWP. Die sitzt in einem Nebengebäude der SWP.

Um das Ganze zu vervollständigen: Seit Mai 2010 sitzt die Ulmer Niederlassung des Freizeitportals eraffe, das über das Freizeit- und Partyleben der Stadt berichtet ebenfalls im Hauptgebäude der SWP. Direkt in den Räumen der Online-Abteilung der SWP. Und es kann vorkommen – so hört man gerüchteweise – dass die SWP Akkreditierungen für die SWP Online vornimmt und dann eraffe-Fotografen auftauchen. Soweit. Sogut.

Am 12.1.2011 titelte das Wochenblatt in seinem Aufmacher auf der Titelseite “Ulm bei Facebook, Xing, eraffe & Co.”. Online gibt es den Artikel hier. Schön, dass sich damit beschäftigt wird und über die Nutzung von sozialen Netzwerken berichtet wird. Doof nur, dass der Artikel Fakten einfach verschweigt. Denn mit Team-Ulm.de gibt es in Ulm ein regionales soziales Netzwerk, das nicht nur das mit Abstand älteste (über 11 Jahre alt), sondern auch mit 200 Mio. monatlichen Seitenaufrufen, einer Million Besucher pro Monat und über 520.000 registrierten Nutzern sowie bis zu 12.000 Nutzern, die in den Stoßzeiten gleichzeitig online sind, das mit Abstand gefragteste Netzwerk der Region ist (als Betreiber von Team-Ulm.de kenne ich die Zahlen, und brauche daher keine Quellen zu bemühen ;-) ).

Ob der Artikel Team-Ulm.de verschweigt, weil es keinerlei wirtschaftliche Verflechtung zur SWP gibt, oder man gar einen Konkurrenten fürchtet? Wer weiß. Vielleicht sollte man das Wochenblatt auch einfach nur als Anzeigen-Käseblättchen betrachten und dort keinen Journalismus erwarten. Womit der Verlag rationalisieren könnte. Denn wozu bräuchte man dort dann noch Redakteure….

Beim Wochenblatt jedenfalls kennt man Team-Ulm.de mit Sicherheit. Bis Ende Dezember 2010 nutzte Team-Ulm.de nämlich Räumlichkeiten im selben Gebäude wie das Wochenblatt. Nur ein Stockwerk höher.

Paket-Tracking

14. Dezember 2010 von Michael Reimann

Immer wieder für Irritationen gut. Paket-Tracking der verschiedenen Anbieter. Einem Otto-Normalverbraucher ist nämlich der Weg eines Paketes durch die verschiedenen Arbeitsabläufe eines Paketzustellers schlicht nicht in allen Details bekannt. Nett ist dann, dass der textlichen Beschreibung, wo sich das Paket zum Zeitpunkt X gerade befindet auch eine Reihe mit Icons und Stichworten beigefügt ist, die die Abfertigungskette symbolisieren. Weniger nett ist es, wenn sich die Begrifflichkeiten dann allerdings in den Texten, die den Auslieferungsstatus beschreiben nicht oder nur unter größerem Rätselraten wiederfinden. Denn dann sind die Icons schlicht für den Allerwertesten.

Beispiele dafür: Hermes, DHL:

Verantwortungslose Eltern

08. Dezember 2010 von Michael Reimann

Anruf beim Betreiber eines regionalen Sozialen Netzwerkes:
“Ja Guten Tag, es gab in einer Klasse ein Problem zwischen zwei Schülerinnen, die sich über private Nachrichten auf ihrem Portal beleidigt haben.”
“Darf ich fragen, welche Rolle Sie in dem Sachverhalt einnehmen?”

“Ich bin Elternbeirätin an der Schule. Die Mutter einer der beiden Schülerinnen hat mich höchst entrüstet angerufen und mir das berichtet. Sie versteht selbst leider nichts von Computern, daher hat sie mich gebeten, sich zu erkundigen, ob der Absender einer Nachricht die auch beim Empfänger löschen kann?”

Manche Eltern schämen sich wohl vor nichts, wenn es darum geht, die eigene Verantwortung wahrnehmen zu müssen…. Denn um die Frage zu stellen oder die Antwort zu verstehen muss man nichts von Computern verstehen.

Übersetzungsroboter und so.

08. Dezember 2010 von Michael Reimann

Fast wäre das wohl als Spam durchgegangen. Fast. Wenn es nicht über das Kontaktformular auf der eigenen Website und auch direkt an die richtige Abteilung (Vertrieb) geschickt worden wäre:

Hallo,
Ich bin [Name]. Sehr geehrter Webmaster Ich brauche Gif, Routenplaner, icontent, tun Webtains, Casino und Bildung verwandten Seiten und meine Seiten gut in großen Suchmaschinen engines.Your Eingang sind wird sehr geschätzt möchte ich Ihnen dafür, Auf der Suche in Google habe ich gefunden gratulieren Ihre Website und wie wir sowohl im ähnlichen Bereich Ich mag die Verbindungen mit Ihrer Website austauschen würden.

Ich habe einige gesunde Content-Seiten in meiner Webseiten und geben Ihnen ein paar gesunde Links von meiner Websites.

Also, wenn Sie daran interessiert sind, dann bitte senden Sie mir Ihren Link Details mit meinen Seiten. Ich werde aktivieren Sie Ihre Links innerhalb von wenigen Minuten.

Ich kann Ihnen versichern, dass Sie gute Suchmaschinen-Wert aus unserem Link. Wenn Sie nicht der betreffenden Person, dann freundlicherweise diese Mail an den Webmaster besorgt.

Es folgt eine Auflistung von Websites, von denen aus er wohl Backlinks anbietet und seine Kontaktdaten.

Google unheimlich

17. November 2010 von Michael Reimann

Google hat den Brainscanner. Mit Sicherheit. Wie anders sonst wäre es zu erklären, dass ich noch nie nach Freeware gesucht habe, mit der man den Bildschirm abfilmen kann und ich in die Googlesuchbox meines bevorzugten Browsers nur “Freeware” eintippe und mir dann bereits “Freeware Bildschirm filmen” als oberster Treffer angezeigt wird?

Mich gruselt’s ein wenig.

Recherche auf kommunal

15. November 2010 von Michael Reimann

Mail eines kommunalen Mitarbeiters an ein regionales Portal, das unter anderem auch einen umfangreichen Veranstaltungskalender zu bieten hat:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie wir leider feststellen mussten, haben Sie in [Ort des Schreibenden] ohne Sondernutzungserlaubnis auf öffentlichem Verkehrsgrund für Ihre Veranstaltung am  [soundsovielten] in [Nachbarort des Schreibenden] plakatiert.

Wir bitten Sie um Mitteilung, von welchem Konto wir die Sondernutzungsgebühren i. H. v. 5,– € pro Plakatständer abbuchen können bzw. um sofortigen Abbau.

Antwort an den kommunalen Mitarbeiter:

Sehr geehrter Herr [Sowieso],

[Portal] führt selbst keine Veranstaltungen durch, sondern berichtet ausschließlich darüber.

[Portal] kann dazu genutzt werden, um Veranstaltungen breiter bekannt zu machen, indem entsprechend Werbung dafür auf [Portal] geschaltet wird – dies hat jedoch  nichts mit irgendwelchen (genehmigten oder ungenehmigten) Plakatierungen zu tun.

Wir bestreiten daher, die Plakatierung vorgenommen zu haben.

Die Antwort des kommunalen Mitarbeiters wiederum löst wechselweise ein “wtf” und eine Gesichtspalme aus:

Sehr geehrter Herr [Portalbetreiber],

wir haben Ihre Adresse aus dem Internet.
Ich bitte um Entschuldigung, wir werden uns dann an die Stadt [Ort der veranstaltung] halten und dort die notwendigen Informationen einholen.

Schöne Grüße

Weshalb Facebook massiv Arbeitsplätze in der deutschen Medien- und Werbewirtschaft vernichten wird

26. Oktober 2010 von Michael Reimann

Neulich erreichte mich ein Tweet, der meine besondere Aufmerksamkeit erregte. Es ging um den Vergleich der größten deutschen Sozialen Netzwerke und deren Entwicklung in den letzten Monaten. Und um dasselbe bei Facebook. Verlinkt war ein Blogeintrag des Schweizers Thomas Hutter, der sich beruflich mit Sozialen Netzwerken beschäftigt.

Dieser hat für seine Betrachtungen die Zahlen von Google Adplanner (ein Mediaplanungstool von Google) der größten deutschen Sozialen Netzwerke mit denen von Facebook verglichen. Nun sind die Zahlen von Google Adplanner sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, denn deren Herkunft ist unklar und Google trifft dazu keine Aussagen. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass nicht einmal die Zahlen von Google Analytics (das aktiv in die Webseiten, die es misst eingebunden wird und daher deutlich realistischere Werte erzielt) mit denen von Google Adplanner übereinstimmen.

Was Adplanner aber zweifellos kann, ist (solange Google nicht die Systematik der Datenerhebung ändert)  zweifellos Trends wiederzugeben. Und genau darauf habe ich mich bei der Betrachtung der Analysen von Thomas Hutter konzentriert. Diese zeigen, dass ALLE größeren Sozialen Netzwerke, die er in seiner Analyse betrachtet hat, seit Jahresbeginn 2010 an Nutzer verloren haben – mit Ausnahme von Facebook, das ein fast schon kometenhaftes Wachstum hingelegt hat.

Dramatisch trifft es geradezu die VZ-Netzwerke und MySpace. Am wenigsten mussten Twitter und Youtube Federn lassen.

Wenn man sich dann noch darüber hinaus direkt in Google Adplanner andere Soziale Netzwerke in Deutschland anschaut wird eines klar: Es ist allgemein ein Rückgang zu verzeichnen. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Die regional fokussierten trifft es dabei eher weniger, die größeren Überregionalen trifft es durchschnittlich stärker.

Wenn man nun meinen Beitrag von neulich reflektiert und mit diesem hier gedanklich zusammenführt bleibt eine zentrale Erkenntnis: Facebook zieht “deutsche” PIs von Deutschland nach Amerika. Und damit auch direkt AdImpressions – das sind Einblendungen von Werbebannern.

Auf größeren Webseiten und in sozialen Netzwerken werden die Werbeeinblendungen im Regelfall voll oder zu großen Teilen von sogenannten “Vermarktern” vermarktet. Das sind Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, solche Werbeflächen an Werbekunden in Paketen zu vermitteln und die dafür einen Teil des Umsatzes behalten.

Allen betroffenen Medien und Netzwerken sowie Vermarktern gemein ist, dass durch die sinkenden Werbeeinblendungen und sinkenden Nutzerzahlen auch die Werbeeinnahmen sinken. Und nicht nur das: durch die Reduzierung der Reichweite verliert Werbung der betroffenen Medien zusätzlich an Wert. Das Problem wird sich momentan noch nicht so offenbaren, da in der Werbebranche das mit Abstand stärkste Quartal 4 gerade begonnen hat und hier die Nachfrage das Angebot oft um ein Vielfaches übersteigt. Aber: im Frühjahr wird es dann das böse Erwachen geben, wenn sich die Umsatzzahlen nicht erholen werden und womöglich weiter einbrechen.

Viel beunruhigender dürfte aber eben der Umstand sein, dass die Zahlen im Laufe dieses Jahres nicht überall nur leicht gefallen sind, sondern teilweise ganz dramatisch. Am Beispiel der VZ-Netzwerke am besten zu sehen. Damit gehen diesen und ihren Vermarktern auch genauso dramatisch Umsätze flöten und die Werte für Sonderwerbeformen gehen ebenfalls in den Sturzflug über. Das heisst dann eher kurz- als langfristig, dass auch Arbeitsplätze reduziert werden müssen, weil einfach die Umsätze fehlen, um diese weiter zu finanzieren.

Branchenweit betrachtet bedeutet das, das aufgrund des Erfolgs von Facebook und der weiter zunehmenden Nutzung von Facebook hier in Deutschland in der Werbebranche und in der Medienbranche Arbeitsplätze wegfallen werden. Weshalb sind dann genau diese Branchen, die Branchen, die durch das ständige Erwähnen und Hypen von Facebook dessen Erfolg noch weiter pushen und kostenlose Werbung für Facebook machen? Stehen die Mitarbeiter der genannten Branchen etwa darauf, ihre eigenen Arbeitsplätze zu vernichten?

Hat irgendwie was von Sado Maso. Oder von Selbstverstümmelung.

***

Update : 15:26 Uhr: Thomas Hutter ist Schweizer und heisst nicht Hutterer

Wie bei regionalen Medienunternehmen Existenzen verzockt werden könnten

19. Oktober 2010 von Michael Reimann

Rein hypothetisch: angenommen, es gäbe irgendwo in Deutschland eine Doppelstadt, deren Einwohner zusammen rund 180.000 betragen würden. Die Größere der beiden wäre doppelt so groß, wie die kleinere der beiden und die beiden lägen auch noch in unterschiedlichen Bundesländern, einzig und allein durch einen Fluß getrennt.

Angenommen in der größeren der beiden Städte säße ein Zeitungsverlag, der der regionale Platzhirsch wäre und ein Quasi-Monopolist. Und angenommen in dieser Stadt säße auch ein Radiosender der als Bereichssender als Gesellschafter eben jenen Zeitungsverlag sowie einen weiteren Zeitungsverlag einer benachbarten Region hätte in der der erste Verlag quasi nicht oder kaum tätig ist.

Angenommen in dieser Doppelstadt gäbe es ein über 10 Jahre altes Internetportal, das seinen Nutzern Funktionen zur Kommunikation untereinander und auch Informationen zur Freizeitgestaltung bieten würde. Ein regionales soziales Netzwerk mit integriertem Stadtmagazin. Das Einzugsgebiet vergleichbar dem des Zeitungshauses und des Radiosenders. Und dieses Portal wäre überaus erfolgreich und hätte mit über einer halben Million registrierten Nutzern, 1 Mio. eindeutigen Nutzern und über 225 Mio Seitenaufrufen monatlich eine Größe erreicht, von der auch der ein oder andere Bürgermeister dieser Stadt bei Fachtagungen nicht ganz ohne Stolz sprechen würde. Und angenommen, dieses Portal wäre dazu noch ehrenamtlich betrieben.

Szenario 1

Man sollte meinen, der erstgenannte Zeitungsverlag, der Radiosender und das Portal würden sich sofort zu einem Interessenskreis zusammenschließen und ihre regionale Stärke in ihren verschiedenen Disziplinen jeweils voll ausspielen und sich damit gegenseitig zum Nutzen aller (auch den Lesern, Hörern und Nutzern) gemeinsame Projekte durchziehen und alles dafür tun, um sich gegenseitig zu stützen und den Bewohnern der Region zu zeigen, dass nicht nur die Wirtschaft der Region toll ist, sondern auch die Medien der Region einzigartig sind und etwas Einzigartiges zu bieten haben. Ein Leuchtturmprojekt für diese Region in ganz Deutschland. Erstmal frei von allen wirtschaftlichen Aspekten… diese würden dann sicherlich aber im Laufe der Zeit nicht ausbleiben und auch allen zahlengetriebenen Geschäftsführern der Beteiligten ein Freudestrahlen ins Gesicht zaubern.

Sollte man meinen.

Szenario 2

Was aber hätte man davon zu halten, wenn der Zeitungsverlag sich zuerst zu einer Zusammenarbeit mit dem Portal entschliessen würde, um dann nach 2,5 Jahren selbst viel Geld in ein Konkurrenzportal zu stecken, das bisher in der Region keinen Namen hat und mit viel Geld und Aufwand erst noch aufgebaut werden müsste? Und dem ein durchschlagender Erfolg nicht nur Brancheninsider sondern sogar die Nutzer selbst absprechen würden? Von der Zielsetzung des Portals einmal ganz abgesehen (“Zeitungsleser generieren”).

Was müsste man ferner davon halten, wenn von dem Radiosender zwar immer wieder kleine Signale in Richtung des erstgenannten Portales geschickt würden, dann aber Terminanfragen unbeantwortet blieben und auf einmal das vom Zeitungsverlag gepushte Konkurrenzportal in einer 3-stündigen Radioshow als Partner mit erwähnt würde, um nur acht Tage später einen ganzen Tag kostenlose Werbung für das amerikanische Portal “Facebook” in redaktionellen Beiträgen zu fahren und dann auch noch stolz Höreranrufe über den Äther geschickt würden, in denen diese davon berichteten, sich extra für das Gewinnspiel des Senders, bei dem es 10.000 EUR im Austausch gegen einen ganz bestimmten 10 EUR Schein zu gewinnen gäbe, bei eben Facebook angemeldet zu haben? Beim Lotto gäbe es mit wahrscheinlich ähnlicher Gewinnwahrscheinlicheit übrigens ein Mehrhundertfaches davon.

Wie eine weitere mögliche Entwicklung von Facebook ist, und warum Facebook in Kürze auch speziell regionalen Medien und VOR ALLEM Radiosendern und regionalen Nachrichtenmedien enorme Probleme bereiten könnte, habe ich übrigens hier ausgeführt. Und diese, meine Theorie, finde ich auch indirekt in den 23 Thesen von Jochen Wegner, dem scheidenden Focus-Online-Chefredakteur wieder.

Umso paradoxer, wenn Medien nun dem allgemeinen Hype folgend, Facebook hinterherhecheln würden, ihre Hörer und Leser drauf los hetzen würden und dabei die regionalen Möglichkeiten in denen sie auch künftig eine Rolle spielen könnten völlig außen vor lassen würden. Denn indem sie die eigenen Leser und Hörer zu Facebook schickten, würden sie sich selbst das eigene Grab schaufeln.

Die Leser und Hörer dort abholen wo diese sich ohnehin befinden und in das eigene Medium integrieren: sehr gut und muss sein. Sie in andere Medien, die noch nicht einmal in Kooperation zum eigenen Haus stehen, zu scheuchen: unternehmerischer Kurzblick der extremen Art.

Fazit

Jeder “normal” denkende Mensch würde bei der Schilderung von Szenario 2 antworten, dass das eine schöne Geschichte für’s Kino sei und in der Realität wohl doch hoffentlich nie und nimmer vorkommen würde.

Oder etwa doch?

Man darf ja schließlich nicht ganz vergessen, dass es in der Gesellschaft auch noch persönliche Befindlichkeiten, Machtkämpfe, Kompetenzgerangel und Grabenkämpfe gibt. Sowas wie Kindergarten. Nur viel schlimmer. Weil es im Arbeitsleben um die Existenzgrundlage vieler Familien geht.


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Von der Entmachtung eines Riesen durch einen Anderen – und Zwergen, die dabei auf der Strecke bleiben

18. Oktober 2010 von Michael Reimann

Google rockt. Mit Google lassen sich viele Dinge einfach und unkompliziert erledigen. Google findet für mich in Sekundenbruchteilen Webseiten, Adressen und Telefonnummern. Google navigiert mich dorthin, wo ich hinmöchte. Google sagt mir, wann ich welche Termine habe, Google hilft mir, die Nutzung meiner Webseiten zu analyieren und Google hilft mir, wenn es darum geht, Werbung zu machen. Das ist alles sehr fein, rund und durchdacht.

Aber es fehlt etwas dabei.

Ich will mit meinen Freunden kommunizieren, mich austauschen zu aktuellen Themen, Belanglosigkeiten und zu politischen wie auch gesellschaftlichen Fragen. Und ich schätze es, wenn mir Freunde unkompliziert einen Hinweis auf eine interessante Begebenheit oder zum aktuellen Zeitgeschehen schicken und ich mich dann womöglich auch noch direkt austauschen kann, wann ich wo was mit wem mache. Denn damit lassen sich ganz neue Möglichkeit der Freizeitgestaltung finden. Das kann ich bei Google zwar auch, aber nur sehr kompliziert via Email. Deutlich schicker geht das in sozialen Netzwerken.

Dort kann ich mich auch noch über die Vorlieben meiner Freunde informieren und erhalte sogar Empfehlungen meiner Freunde andere Artikel mit Nachrichten oder Hintergrundinformationen, meistens aus Blogs, manchmal von Nachrichtenportalen, die solide, tiefgreifend und nachhaltig recherchieren. Von meinen Freunden weiß ich aus Erfahrung schon ungefähr, wie diese denken und ticken und wie ich die Empfehlungen eines jeden einzelnen in meiner persönlichen Werteskala einordnen kann. Ausserdem habe ich auch noch meine eigenen Nachrichtenquellen (Blogs, gute Newsportale, in der Regel überregional), von denen ich aus der Vergangenheit ebenfalls über eine Erfahrungshistorie verfüge.

Mit anderen Worten: ich besorge mir die für mich relevanten regionalen News über eigene Aggregation aus unterschiedlichsten Quellen  – den geringsten Stellenwert hat dabei der regionale Nachrichtenplatzhirsch im Zeitungsbereich. Die studiere ich maximal ergänzend über deren Webseite. Zeitungsabo? Wozu? Die Nachrichten auf der Seite dieses Zeitungsverlages haben meistens eher unterhaltsamen Wert. Nice to have read. Nothing I’d like to pay for. Die wirklich relevanten News bekomme ich anders – siehe oben.

Radiohören? Fehlanzeige. Ich habe kein Radio mehr in meiner Wohnung. Äh… nicht ganz richtig. Es hat über ein dreiviertel Jahr gedauert, bis ich nach der Anschaffung meines aktuellen DVD-Players festgestellt habe, dass der auch Radio empfangen kann. Seither habe ich das nie wieder benötigt oder genutzt. Musik kommt hier von der CD. Oder aus dem Internet via Sparten-Sender-Streams. Und wenn ich mich in der Generation U25 umschaue, dann weiss ich zwar zum Einen, dass ich mit meinen 31 Lenzen zu den älteren Herrschaften dieser Nutzungsweise gehöre, ich aber bei weitem nicht alleine bin und diese Nutzungsart immer mehr um sich greift. Multichannel, Multitasking, Selbst aggregiert. Das ist die Mediennutzung der Zukunft. Und wenn man das näher betrachtet treten die Vertreter dieser Nutzungsgeneration in 3 bis 10 Jahren ins Berufsleben ein. In 10 bis 15 Jahren wird diese Art der Mediennutzung selbstverständlich sein und vom überwiegenden Teil der Gesellschaft so vorgenommen werden.

Für regionale Zeitungsangebote wird es dann richtig dünn, wenn sie nicht zügig (und damit meine ich JETZT) auf hochwertige Berichterstattung setzen, die auf fundierten Recherchen basiert und die in einer der jeweiligen Berichtsart bestmöglich angepasste Informationsaufbereitung mündet, für die die Leser wieder bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen. Als Stichwort möge da einfach mal “Crossmedia” dienen. Und nein, damit meine ich nicht die Verquickung von Print mit online, sondern die Ausnutzung der verschiedenen Medien, die online möglich sind (Text, Bild, Video und Kombinationsformen daraus). Print wird zunehmend eine Randerscheinung werden (aber als solche bestehen bleiben, solange irgendwie wirtschaftlich machbar).

Für Radio sieht es noch schwärzer aus. 08/15 Dudelfunk ist angezählt. Und zwar nicht erst seit gerade eben, sondern schon seit vor 10 Jahren mit Livestreams die Verbreitung von Spartenradios weltweit kein Problem mehr ist. Mit Musik können diese Sender nicht mehr punkten, da sie zu den wenigsten Zeitpunkten genau das bringen können, was der einzelne Zuhörer auch wirklich gerade dann hören möchte. Geschweige denn irgendwelches oberflächliche Gelabere, mit dem die musik- und werbefreie Sendezeit irgendwie gefüllt wird. Am meisten zum Abschalten verleiten irgendwelche frühmorgendlichen viel zu aufgekratzten Morgenkasper-Anchorman-Sendungen. Wenn man denn überhaupt noch regelmässig Radio hört. Denn: Musikwert = Null. Nachrichtenwert = Null. Unterhaltungswert = Null.

Im Nachrichten- und Radiobereich werden künftig schlanke individuelle von jedem Höhrer selbst definierbare Musik-, Unterhaltungs und Nachrichtenformate gefragt sein, die sich intelligent an das Nutzerverhalten anpassen.

Na, klingelt’s schon?

Es gibt zwei Internetriesen, die dazu am ehesten in der Lage sein dürften, weil sie bereits jetzt über einen riesigen Datenpool verfügen und den künftig noch weiter ausbauen: Google und Facebook. Und Facebook hat sich mit Microsoft einen Gesellschafter ins Haus geholt, der mit Bing über eine zukunftsfähige Suchmaschine verfügt, die durchaus dazu in der Lage sein könnte, Google irgendwann einmal ernsthaft Sorgen zu bereiten. Wenn das mit den Funktionen von Facebook direkt verknüpft wird, und dazu auch noch Musiksender und Nachrichtenquellen aggregiert werden, die jeweils den Vorlieben der Nutzer angepasst angezeigt werden, dann wird igoogle ziemlich alt aussehen und Facebook zur Killerapp im wörtlichen Sinne. Für regionale Zeitungsverlage und für Radiosender, die sich nicht entsprechend positionieren werden und das nicht erst in Jahrzehnten.

Im Jahr 2020 wird die Medienwelt und -nutzung völlig anders aussehen als heute.


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Fremder Leute Wochenplanung – oder: Unfreiwillig mitgehörte Telefonate

24. September 2010 von Michael Reimann

Rückkehr an den Rechner nach der Mittagspause. 4 Meldungen des E-Mail-Programms, dass Nachrichten nicht abgerufen werden konnten. Nicht gut. Böses ahnend rufe ich im Browser über 2 Tabs zwei Websites auf. Ewiges warten. Nichts geht. Check des Routers. Nichts blinkt. Zugriff auf den Router zeigt nichts Außergewöhnliches. Pings nach draußen nicht möglich. Also vermutlich ein lokales Problem. Die gesamte Netzwerkkarte deaktiviert und damit auch erstmal den Zugriff auf den Fileserver abgeschnitten. Egal. Netzwerkverbindung reaktiviert. Immer noch nichts. Nach ewiger Suche dann nochmal der Blick auf die Oberfläche des Routers. “Verbindung zum Internet nicht möglich”. Super. Das hätte er auch gleich sagen können. Nunja.

Also per UMTS ins Netz und geschaut, ob auf heise.de etwas über eine Störung bekannt ist. Nope. Also Anruf bei 1&1. Sehr erfreulich: als erstes der Hinweis, dass sich die Supportnummer geändert habe. Von der kostenpflichtigen Nummer in eine normale Festnetznummer (die dank Flatrate nichts kostet).

Erneuter Anruf und erstmal die übliche Warteschleifenansage, nachdem ich mich durch das Menü durchgehangelt habe. Also Lautsprecher ein und was so an Arbeit ohne Zugriff auf das Internet möglich ist, angefangen. Irgendwann nach ca 15 Minuten dann eine Abweichung und auf einmal höre ich jemanden reden. Ich will mich schon melden, da höre ich, wie die Gegenseite mir erzählt, dass sie morgen zu einem Klassentreffen nach Rottweil und am Tag darauf zu einer Beerdigung nach Regensburg müsse. Und der Gesprächspartner möge bitte sich doch um [Knarz, Rausch] kümmern. Daraufhin höre ich ganz entfernt eine Frauenstimme, ohne aber zu verstehen was sie sagt, dann unterbricht das Gespräch auch schon wieder die Warteschleifenmelodie von 1&1. Nach weiteren 20 Minuten fröhlichen wartens bin ich dann endlich dran.

Zuerst werde ich nach meinen Daten befragt, dann schildere ich das Problem. Um dann zu hören “Derzeit kann ich das Problem leider nicht aufnehmen, da unser System zur Störungsaufnahme nicht funktioniert.” – “Können Sie das dann bitte notieren und später eintragen?” -  “Nein, das geht nicht, bitte melden Sie sich später wieder”. Nerv.

Glücklicherweise habe ich noch ein paar Dinge außer Haus zu erledigen, dann kommen die eben nun dran. 3 Stunden später funktioniert der Zugang zwar wieder, eine Großzahl an Websites – unter anderem eigene Portale sind nicht abrufbar… Der Support (40 Minuten Warteschlange) vertröstete mich auf den nächsten Tag – abends.

Am übernächsten Tag ging dann alles wieder. Toll ist das aber nicht, wenn man mehr als einen Tag ohne Suchmaschinen und Zugriff auf eigene Projekte arbeiten soll….